Kristina Lohfeldt

Wenn Archetypen und bissiger Humor aufeinander treffen, dann steckt wohl Kristina Lohfeldt dahinter. Die Hamburgerin kreierte schon als kleines Mädchen eigene Märchen und träumte von einer Opernkarriere. Das Schreiben ist jedoch ihre wahre Leidenschaft. Sie veröffentlichte über 800 Kurzromane und Shorts für diverse Zeitschriftenverlage und startete 2012 mit ihrem ersten Buchprojekt voll durch. Heute hat sie sich meinen Fragen gestellt – genießt es!

 

Ist dir die Kreativität und die Liebe zum Wort in die Wiege gelegt worden?

Das könnte man so sagen. Als ich ein Kind war, hat meine Mutter mir viel vorgelesen. Aber nicht immer hat mir der Verlauf oder der Ausgang einer Geschichte gefallen. Also habe ich sie für mich neu erzählt. Außerdem habe ich meinem Vater Märchen diktiert. Da war ich noch im Kindergarten. Ich konnte also noch nicht schreiben, hatte dadurch aber die Motivation, es so schnell wie möglich zu lernen. Damals mussten die Geschichten vor allem pompös und dramatisch sein, ganz so wie das Libretto einer Oper. Meine Mutter und ich haben uns viele Opern angehört und angeschaut (u. a. Opernverfilmungen mit Luciano Pavarotti und  Plácido Domingo). Deshalb habe ich einerseits oft in Filmszenen gedacht und habe mich andererseits daran orientiert, wie man eine Geschichte für die Bühne erzählen muss. In der Grundschule habe ich gern Geschichten erfunden und dann mit Freunden „inszeniert“. Dadurch bin ich also schon von klein auf damit vertraut geworden, auf wie viele verschiedene Arten man Geschichten erzählen kann. Mein aktuelles Buch „Blaue Feen und Weiße Königinnen“, das ich zusammen mit meiner Kollegin und Freundin Rona Walter geschrieben habe, ist als Märchenbuch für Erwachsene irgendwie also auch eine Rückkehr zu meinen Wurzeln und hat für mich durchaus ein wenig mit Nostalgie zu tun.

 

Was fasziniert dich an Märchen? 

Märchen sind zeitlos. Faszinierend, der Antwort auf die Spur zu kommen, warum das so ist. Daraus kann man auch viel für seine eigenen Werke lernen. Zudem mag ich an Märchen, dass sie sowohl unsere hellen als auch unsere dunkelsten Seiten repräsentieren – eben die für Märchen charakteristische Schwarzweißmalerei. Sie zeigt, dass „Weiß“ nicht „Weiß“ wäre, wenn es „Schwarz“ nicht gäbe und umgekehrt. Außerdem ist es schön, vermittelt zu bekommen, dass selbst aus einem „hässlichen jungen Entlein“ ein schöner Schwan werden kann und auch ein „Aschenputtel“ ihren Prinzen findet. Solche Geschichten ermutigen, und Beispiele wie die vom Spiegel in „Schneewittchen“ zeigen, dass einige Probleme und Alltagssorgen – wie in diesem Fall die Angst vorm Altern – über viele Zeiten und Generationen hinweg die Menschen bewegen. Zudem: mit Tieren sprechen, geheimnisvolle Orte erleben, die Suche nach dem Wunderbaren und dem, was außerhalb unserer Wahrnehmung liegt, das ist etwas, das die Menschen schon seit Urzeiten und in aller Welt bewegt und schon immer zu Ideen angespornt hat.

 

Erzähl doch mal etwas über: Too Bad to be God, dein erstes Buchprojekt. Worum geht es, und was hat dich dazu inspiriert? 

Kristina Lohfeldt
Too Bad To Be God, Kristina Lohfeldt, Scratch Verlag, bei amazon

„Too Bad to be God“ zeigt, wie Götter und andere höhere Entitäten in dem beschaulichen, der Welt abgewandten Ort Dingenskirchen die Schulbank in einer sogenannten Gotthochschule (GHS) drücken. Immerhin ist es „modern“, sich einen Personal Trainer zu halten. Denn selbst Götter brauchen gezielte PR und eine ausgeklügelte Marketingstrategie, um ihre Gläubigen wieder zu erreichen. Der Gott von heute will schließlich up to date sein … im Sinne von „Date“ mit dem Gläubigen.

Das Buch ist statt in Kapitel in zehn „Kurse“ aufgebaut (ganz wie in dem Programmheft einer VHS, wo ebenfalls Kurse gebucht werden können). Komfortabel für den Leser ist dabei, dass jeder Kurs für sich allein funktioniert. Es gibt allerdings natürlich auch einen roten Faden. Er wird durch die Figur des Herrn Pille repräsentiert, ein Apotheker, der in einen Mistkäfer, also Pillendreher, verwandelt wurde. Soviel sei verraten. Wem das bekannt vorkommen sollte, der sei gewarnt: Ähnlichkeiten mit bekannten oder unbekannten Mythologien oder Stoffen der Weltliteratur sowie realer Bezüge sind gewollt, arten aber oft genug in Mytholügereien aus. Nicht alles, was erzählt wird, ist also für bare Münze zu nehmen, und es darf geraten werden, welche Fakten der Realität entsprechen und welche pure Fiktion sind. Kritik an Missständen unserer Zeit sowie Satire stehen dabei gleichwertig neben slapstickartigen Szenen, und doch nimmt Herr Pille die Leser auf eine turbulente, aber fundiert recherchierte Reise in die Mythologien verschiedenster Völker und Zeiten mit. Und damit auch auf eine Reise zu uns selbst. Eins ist nach der Lektüre jedenfalls sicher: Götter sind auch bloß Menschen.

Was mich dazu inspiriert hat, weiß ich nicht mehr genau. Die Arbeit an „Too bad to be God“ selbst liegt schon sechs Jahre zurück, die Veröffentlichung jetzt auch schon drei Jahre. Im Grunde ist die Idee dazu durch Herumalbern mit meinem damaligen Mann entstanden. Das Buch ist außerdem eine Verneigung vor Sir Terry Pratchett. Ihm hat es z. B. die zahlreichen Fußnoten zu verdanken, vor denen eingangs auch ausdrücklich gewarnt wird. (lacht)

 

Du hast einige Zeit als Lektorin gearbeitet. Was würdest du jungen Schreibern bezüglich des Lektorats raten?

Generell ist es klug, Lektoren als Verbündete zu betrachten. Immerhin ziehen Autor und Lektor an einem Strang. Die Lektoren sind sozusagen die ersten und professionellen Leser. Dabei sind Interpunktion etc. erst einmal (fast) nebensächlich. Es geht vor allem um inhaltliche Zusammenhänge, Textaufbau, Spannungsbogen, Nachvollziehbarkeit etc.pp. Sowohl die Autoren als auch die Lektoren möchten ein gutes Werk erschaffen, und dafür ist konstruktive Kritik das A und O und nie ein persönlicher Angriff. Merkt man allerdings, dass man mit dem Lektorat nicht zurechtkommt, weil man das Gefühl hat, dass man sich zu sehr verbiegen soll, dann sollte man darüber sprechen. Ein eigener Stil sollte immer noch erlaubt sein, solange er dem Werk nützt. Und der/die Autor/in denkt sich ja was bei dem, was und wie er/sie etwas schreibt.

Viele verwechseln manchmal das Lektorat mit dem Korrektorat. Beides sind aber nochmals verschiedene Arbeitsschritte. Das Korrektorat bildet dabei den Abschluss. Da geht es dann tatsächlich mehr um die Form als um den Inhalt.

 

An welche deiner ersten Erfolge erinnerst du dich am liebsten?

An eine meiner ersten Tierstories. Das muss 2007 gewesen sein. Der Titel ist mir entfallen, dafür habe ich im Laufe der letzten acht Jahre einfach zu viele geschrieben. Inzwischen dürften es weit über 800 Kurzgeschichten und –romane sein. Jedenfalls rief die Chefredakteurin mich an, weil die Geschichte sie so berührt hatte, dass sie mir das persönlich mitteilen wollte. Wir sind dann übers Thema Tiere auch privat ins Gespräch gekommen – und seitdem besteht auch außerhalb des Geschäfts eine Freundschaft, und ich hatte mich nach der Geschichte als Stammautorin für den Zeitschriftenverlag etabliert.

 

Warst du dir immer sicher, auf dem richtigen Weg zu sein? 

Zu zweifeln gehört für kreative Köpfe dazu. Kolleginnen und Kollegen wissen bestimmt, was ich meine. Aber genau das hält einen auch auf Trab und sorgt dafür, dass man nicht einfach bloß einem vorgefertigten Weg folgt. Wichtig ist nur, dass man sich von Rückschlägen nicht runterziehen lässt und dann einfach mal etwas tut, was so keiner erwartet hat. Zwar heißt es „Übermut tut selten gut“, das trifft aber nicht auf kreative Bereiche zu, finde ich. Da kann man ruhig mal mutig sein und auch von der Norm abweichen. Sonst käme es zum Stillstand der kleinen grauen Zellen und die Leser hätten bald keine Auswahl mehr, weil ohnehin jeder Roman nach Schema B. wie „bekannt“ verliefe.

 

Blaue Feen & Weiße Königinnen hast du mit einer Co-Autorin geschrieben. Wie war es für dich, so zu arbeiten?

Kristina Lohfeldt
Blaue Feen & Weiße Königinnen: Die Essenz der Märchen, Lillian A. Darling, Rupert Dance, SP, bei amazon

Rona Walter, deren schriftstellerische Arbeit ich sehr schätze, und ich haben in den letzten Jahren viele Lesungen zusammen gemacht, weil wir uns gut ergänzen und uns auch privat wunderbar verstehen und deshalb angefreundet haben. Letztes Jahr kam Rona auf die Idee zu dem Konzept von „Blaue Feen“, ein Märchenbuch für Erwachsene mit psychologischem Hintergrund und einer Rückkehr zu den Urmärchen. Das heißt: nicht immer gibt es ein Happy End, und einige unserer Märchen sind auch durchaus düster und sogar grausam. Es gibt aber auch „Aufheller“ dazwischen, und Fragen wie: „Was halten Erbse und Aschenputtels Glaspantoffel von den Märchen, die man über sie erzählt?“, werden teils mit einem Augenzwinkern beantwortet. Ich fand es sehr angenehm, als Autoren-Team ein Buch zu entwickeln und sich gegenseitig zu unterstützen, sich Feedback zu geben und zu Ideen anzuregen. So ist einer der ersten Leser ausnahmsweise nicht ein Lektor, sondern eine Kollegin. Wir waren also beide jeweils in der Rolle der Schreibenden und dann auch wieder Lektorin, bevor das Gesamtmanuskript später dann ins professionelle Lektorat und an Testleser ging.

 

Was kann man sich unter einem „Steampunk-Livehörspiel“ vorstellen? 

Steampunk lässt sich schwer unter einen Hut bringen – oder dem Genre angemessen sollte ich wohl eher Zylinder sagen. Als literarische Strömung gab es „Steampunk“ schon in den 80er Jahren. Dabei werden einerseits moderne und futuristische technische Funktionen mit Mitteln und Materialien des viktorianischen Zeitalters verknüpft, wodurch ein deutlicher Retro-Look der Technik entsteht. Andererseits wird das viktorianische Zeitalter bezüglich der Mode und Kultur idealisiert wiedergegeben. Steampunk fällt damit in den Bereich des sogenannten Retro-Futurismus, also einer Sicht auf die Zukunft, wie sie in früheren Zeiten entstanden sein könnte, wie Erfindungen heute aussähen, würden sie Romanen von Jules Verne entspringen. Seine und H. G. Wells Zukunftsvisionen werden oft genannt, wenn es darum geht, das Genre zu beschreiben, da sich jeder gleich etwas darunter vorstellen kann.

Ein Livehörspiel ist ein Hörspiel, das auf die Bühne gebracht wird, d. h. die Sprecher, die man sonst nicht sieht, sondern nur hört, stehen vor ihren Mikrofonen auf einer Bühne und performen live vor Publikum. Ihre Figuren werden dabei nicht nur durch ihre Stimmen charakterisiert, sondern durch Kostüme unterstrichen. Auch ein wenig Requisite unterstützt Performance und Handlung, sowie Geräuschemacher, die z. B. mit Hufgetrappel, Gläserklirren, Pistolenschüssen für Action sorgen. Begleitend wird Musik eingespielt. Ganz wie bei einem klassischen Hörspiel. Ein Livehörspiel ist also eine Art minimalistisches Theaterstück, so wie „Die letzte Instanz“, das ich gemeinsam mit Marco Ansing geschrieben habe und das 2013 in Hamburg uraufgeführt wurde. Wir haben damals sogar selbst jeweils eine Rolle übernommen.

 

Welches sind deine aktuellen Projekte? 

Aktuell ist gerade ein Hörspiel von mir in der Produktion. Ich bin schon sehr auf das Ergebnis gespannt. Aber das wird wohl noch eine Weile dauern. Leider darf ich noch nicht mehr verraten. Außerdem hat man mir angetragen, ob ich nicht ein historisches Theaterstück schreiben möchte, und ein ausländischer Verlag hat Interesse an meinem Thriller signalisiert, an dem ich gerade schreibe und wohl auch noch eine ganze Weile schreiben werde. Ein Steampunk-Märchen habe ich auch noch in der Pipeline. Aber noch ist nichts entschieden, insofern schauen wir mal, was am Ende dabei herauskommt.

 

Lieben Dank für deine Zeit – ich freue mich, dass du hier bist.

Ich habe zu danken. War schön auf der Autoren-Couch. Und jetzt noch ein Käffchen. (lacht)

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